Redensarten

Deutschland und Irland – ein Vergleich

 

 

Passiert einem in Deutschland etwas, versäumt man den Zug, bricht man

ein Bein, macht man Pleite, so sagen wir: Schlimmer hätte es nicht kom-

men können; immer ist das, was passiert, gleich das Schlimmste – bei den

Iren ist es fast umkehrt: bricht man sich hier ein Bein, versäumt man den

Zug, macht man Pleite, so sagen sie: It could be worse – es könnte schlimmer sein; man hätte statt des Beines den Hals brechen, statt des Zuges den Himmel versäumen und statt Pleite zu machen, hätte man seinen Seelenfrieden verlieren können, wozu bei einer Pleite durchaus kein Anlaß ist.

 

Was passiert, ist nie das Schlimmste, sondern das Schlimmste, ist nie passiert: stirbt einem die geliebte und hochverehrte Großmutter, so hätte ja auch noch der geliebte und verehrte Großvater sterben können; brennt der Hof ab, die Hühner aber werden gerettet, so hätten ja auch noch die Hühner verbrennen können, und verbrennen sie gar: nun – das Schlimmere: daß man selbst gestorben wäre, ist ja nicht passiert. Stirbt man gar, nun, so ist man aller Sorgen ledig, denn jedem reuigen Sünder steht der Himmel offen, das Ziel mühseliger irdischer Pilgerschaft – nach gebrochenen Beinen, versäumten Zügen, lebend überstandenen Pleiten verschiedener Art.

 

Bei uns – so scheint mir -  versagen, wenn etwas passiert, Humor und Phantasie; in Irland werden sie gerade dann in Bewegung gesetzt.

 

…So hat das Schicksal unbegrenzten Kredit, und die Zinsen zahlt man willig und ergeben; liegen die Kinder da, keuchhustend und jämmerlich, der hingebenden Pflege bedürftig, so soll man sich glücklich preisen, daß man selbst noch auf den Beinen ist, die Kinder pflegen und arbeiten kann. Hier ist der Phantasie keine Grenze gesetzt. It could be worse, ist eine der am meisten gebrauchten Redensarten …. Die Zwillingsschwester ist die Redensart, ebenso häufig gebraucht: I shouldn’t  worry – ich würde mir keine Sorgen machen.

 

 

Aus „Irisches Tagebuch“ Heinrich Böll  

29. November