Mo. 2. Dezember

Während er wie gelähmt auf seinem Schlitten saß, sah er, dass sich zwischen den Tannenbüschen am Wegrand etwas bewegte. Als er erkannte, was es war, wuchs sein Schrecken ins Ungeheure: Es war die Marlin, ein altes Bettelweib, eine Landstreicherin.

 

Dem Bauern war klar: Wenn er an ihr vorüberfuhr, wurde sie eine Beute der Wölfe, und während die Wölfe die Alte zerrissen, konnte er entkommen. Aber auch wenn er anhielt und sie auf den Schlitten steigen ließ, war nicht sicher, dass sie mit dem Leben davonkam. Vielleicht wurden sie dann alle drei – er und die Alte und das Pferd – zerrissen und aufgefressen. Da fragte sich der Bauer, ob es nicht richtiger wäre, ein Leben zu opfern, um zwei andere zu retten. Sofort aber musste er auch daran denken, dass er Gewissensbisse bekäme, weil er der alten Frau nicht geholfen hatte. Und was würden die Leute von ihm halten, wenn sie erfuhren, dass er sie gesehen, aber im Stich gelassen hatte? Wäre ich ihr doch bloß nicht begegnet, dachte der Bauer.

 

In diesem Augenblick stießen die Wölfe ein lautes Geheul aus. Das Pferd schreckte zusammen, jagte wild davon und an dem Bettelweib vorüber. Sie hatte das Wolfsgeheul auch gehört, und als der Bauer an ihr vorbeisauste, erkannte er an ihrem Gesicht, dass sie wusste, was ihr bevorstand. Sie hatte den Mund zu einem Schrei geöffnet und die Arme um Hilfe ausgestreckt, aber sie hatte weder geschrien noch den Versuch gemacht, auf den Schlitten zu springen.

 

Ich habe wohl wie ein böser Geist ausgesehen, dachte der Bauer. Jetzt wo er sich seines Lebens sicher sein konnte, versuchte er zufrieden zu sein, aber es gelang ihm nicht. Er hatte noch nie etwas Böses getan und nun hatte er in einem einzigen Augenblick sein ganzes Leben verdorben.

Es gibt immer einen Ausweg

In Schweden haben Wölfe einmal einen Bauern überfallen, der mit einer Ladung von Kübeln und Bottichen unterwegs war. Es war Winter und die Wölfe – etwa acht oder zehn  - verfolgten den Schlitten. Der Bauer hatte kein gutes Pferd und deshalb wenig Hoffnung ihnen zu entkommen.

 

Er peitschte auf das Pferd ein und es lief wie noch nie. Trotzdem kamen die Wölfe immer näher. Es war eine sehr einsame Gegend. Der nächste Hof lag weit entfernt. Der Bauer glaubte, dass seine letzte Stunde gekommen sei, und er fühlte, wie ihm vor Entsetzen die Glieder erstarrten.

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