Textfeld: Vom Begrüßen am Morgen im Dorf Abdallah Wallo, gelegen am Fluss Senegal in Senegal    

„Also der Morgen in Abdallah Wallo. Die Kinder haben sich im Dorf verlaufen. Jetzt treten die Erwachsenen aus den Lehmhütten. Die Männer breiten kleine Teppiche  in den Sand und beginnen ihr Morgengebet. Sie beten, in sich gekehrt, taub für die Umwelt, mitten im Trubel der anderen, im geschäftigen Treiben der Frauen. Um diese Stunde füllt die Sonne endgültig den Horizont aus, strahlt auf die Erde, kommt ins Dorf. Sofort spürt man ihre Anwesenheit, sofort ist es heiß.

Nun beginnt das Ritual morgendlicher Besuche und Begrüßungen. Jeder besucht jeden. Diese Szenen spielen sich in den Höfen ab, den Wohnraum betritt keiner. Die Lehmhütten dienen nur zum Schlafen. Thiam beginnt nach dem Gebet seinen Rundgang zu den nächsten Nachbarn. Er tritt auf einen zu. Nun beginnt ein Austausch gegenseitiger Fragen und Antworten. 
Wie hast du geschlafen? – Gut. – Und deine Frau? – Auch gut. – Und die Kinder ? – Gut. – Und die Cousins? – Gut. – Und dein Gast? – Gut. – Und hast du etwas geträumt? – Ja, usw. usf. Das dauert sehr lange – je länger wir fragen, je detaillierter der  Austausch von Höflichkeiten geführt wird, umso größere Achtung beweisen wir unserem Gegenüber. 
……. Ich begleite Thiam während der ganzen Dauer dieser Zeremonie. Zur selben Zeit beschreiben auch andere ihre morgendlichen Umlaufbahnen, es herrscht viel Bewegung im Dorf, von überallher ertönt jenes feierliche: Wie hast du geschlafen? Und das beruhigende, positive: Gut. Gut.

Bei einem solchen Rundgang durch das Dorf kann man feststellen, dass es in der Tradition  und Vorstellung seiner Bewohner keine Vorstellung eines geteilten Raumes gibt. Im ganzen Dorf gibt es keine Zäune, Hecken und Drähte, keine Abzäunungen, Gitter, Gräben, Raine.

Nun macht sich ein Teil der Menschen zur Feldarbeit auf. Die Felder sind weit entfernt. Der Boden in der Nähe ist schon ausgelaugt, unfruchtbar.  Erst kilometerweit weg kann man etwas anbauen, in der Hoffnung, dass die Erde etwas hervorbringt, wenn Regen fällt.

Ryszard Kapuścińsky

Fr. 7. Dezember 2018