Besinnliches Leben

 

Ebenfalls Vita contemplativa     (Im Zug nach Warschau)

 

Es kann überall geschehen, manchmal im Zug, *

wenn ich nirgendwo bin: Plötzlich öffnet sich *

die Tür, und vergessene Gestalten kommen, es erscheint *

mein kleiner Neffe, den es nicht mehr gibt, *

aber jetzt ist er heiter und lacht,  *

und ein gewisser chinesischer Dichter, der die Blätter *

der Herbstbäume und die Musik liebte, *

Theologiestudenten aus Córdoba, noch ohne Bartwuchs, *

treten aus dem Nichts heraus und springen sich an die Gurgel, *

nehmen den Streit um die Attribute Gottes auf, *

und das herrliche Leben rauscht wie ein Wasserfall im Frühjahr, *

bis schließlich aufdringlich das Telefon klingelt, *

ein zweites, ein drittes Mal, und diese große seltsame Welt *

wird plötzlich klein und verschwindet wie eine Feldmaus,*

die sich bedroht fühlt und sich geschickt *

in ihre geheime Wohnung verzieht.

 

Adam Zagajewski

 

7. Dezember 2021

Dagmar Horn-Schmid