Vom Bestohlenwerden und Nichtbestohlenwerden

 

Der Journalist Ryszard Kapuścińsky hatte  in  Lagos eine kleine  Wohnung gemietet.  Er wollte mittendrin wohnen in einer  afrikanischen Stadt –   in der Mitte von   Elend, Armut, Schmutz . Er wollte all das hautnah miterleben.  Er ist ein Narr – sagten sowohl die Weißen als auch die Schwarzen.     Und tatsächlich: „ Die Wohnung, die ich gemietet habe, wird ständig ausgeraubt“, schreibt  Kapuścińsky  unter anderem „ Und nicht nur dann, wenn ich für längere Zeit wegfahre. …. Eines Tages kam ein Gast zu mir. Es war ein Mann in einer weißen, islamischen Bekleidung, Sulejman. …Wir begannen uns zu unterhalten. Ich sagte ihm, dass ich ständig bestohlen würde. Sulejman sah das als völlig normal an. Der Diebstahl ist eine  - wenn auch unliebsame – Form der Nivellierung der Ungleichheiten. Es sei gut, dass sie mich bestehlen, meinte er, das sei sogar eine freundliche Geste ihrerseits. Auf diese Weise würden sie mir zu verstehen geben, dass ich ihnen nützlich sei, weshalb sie mich akzeptierten. Im Grunde könnte ich mich doch sicher fühlen. Ob ich hier je eine echte Bedrohung gespürt hätte. Ich gestand, dass dies nicht der Fall war. Na eben! Ich würde hier so lange sicher sein, als ich ihnen gestattete, mich ungestraft zu bestehlen. In dem Moment, da ich die Polizei einschaltete und begänne, sie zu verfolgen, sei es für mich besser, von hier zu verschwinden.“

 

Nach einer Woche nahm Sulejman Kapuścińsky auf  den  Jankara Market mit. Das ist ein Ort, wo Hexen, Kräuterweiber, Wahrsager und Geisterbeschwörer alle möglichen Zaubergegenstände  kaufen. Sulejman suchte ein Büschel weiße Hahnenfedern heraus. Sie waren nicht gerade billig. Er band sie zu einem Büschel zusammen und hängte sie am Türrahmen von Kapuścińskys Wohnung auf.

 

„Von diesem Zeitpunkt an verschwand nichts mehr aus meiner Wohnung.“

Ryszard Kapuścińsky

 

Mo.10. Dezember 2018

Sprüche 12, 23

 

Ein kluger Mensch verbirgt sein Wissen, das Herz der Dummen aber schreit die Torheit hinaus