Für eine Stunde Freunde

 

1. Weihnachtsfeiertag 2017

 

Geschafft! Die alte Dame hat den Zug von Würzburg nach Nürnberg – wie meistens erst in allerletzter Minute - erreicht, ist ins nächstbeste Abteil gestiegen. Es  ist rappelvoll. Da  setzt sich der Zug auch schon in Bewegung.

 

Die Dame schaut sich um und erschrickt ein wenig. „Ja, bin ich denn jetzt in Afrika?“, ist ihr erster Gedanke. Das ganze Abteil  - nur Schwarze – Männer. „Ordentlich  angezogen -   wenigstens“,  ihr zweiter Gedanke. Ihr dritter: „ Beim nächsten Halt wechsle ich das Abteil.“ Der vierte bleibt ungedacht. Denn schon ist einer der Männer aufgesprungen  - übrigens „ ein ganz hübscher – 28 – 30 Jahre alt“  – und bietet ihr seinen Sitzplatz an. Sie beginnt ihren Mantel auszuziehen – und sofort ist ihr der junge Mann dabei behilflich, sich auf  seinen - jetzt  ihrem – Platz einzurichten. Er lächelt sie nett an –„ liab an“, wie sie erzählt. Der junge Mann fragt sie, wohin sie fährt. Nach Nürnberg! Er auch. „Dann sind wir ja für eine Stunde Freunde!“ sagt der Schwarze.

 

Natürlich hat die alte Dame das Abteil nicht gewechselt. Viel haben sie nicht geplaudert – aber sie hat zugehört, wie er sich  mit den anderen  auf „afrikanisch“ unterhalten hat. Dabei  hat er sie immer wieder lieb angelächelt. „So schnell war ich noch nie in Nürnberg!“ versichert sie. Zuletzt hat ihr der junge Mann noch in den Mantel geholfen, ehe sie ausgestiegen sind – sie in Richtung S-Bahn.

 

Er fuhr weiter nach Rosenheim, der Freund für eine Stunde. In ihrer Erinnerung wird er es immer bleiben.

 

Erzählt von Frau Else Koch, 93 Jahre.

Do. 13. Dezember 2018