Di. 17. Dezember 2019

Der Tag, an dem wir die Sonne aufgehen sahen

 

An einem Sommermorgen, ganz, ganz bald, bevor unsere Mutter auf war, bevor unser Vater auf war, bevor die Sonne auf war, stiegen meine Schwester Susi und ich aus den Betten, zogen uns an und gingen vors Haus. Niemals in unserem ganzen Leben waren wir so früh wach gewesen. Die Welt war ganz still, als hätte jemand gesagt: „Pst! Seid still! Die Welt ist noch nicht wach.“

 

Wir sahen das Gras nass vom Tau und überzogen mit vielen kleinen Spinnweben.

 

Wir sahen unsere Katze Christofer quer über den Rasen daher steigen. Christofer machte hohe Schritte und blieb immer wieder stehen und schüttelte den Tau aus seinen Schnurrhaaren, bevor er den nächsten Schritt machte.

 

Und wir sahen den Himmel über dem Hügel perlmutterrosa schimmern wie die Innenseite der Muschel. Es sah so aus, als ob verborgen hinter dem Hügel ein großes Licht glühte. Wir standen ruhig und sahen das Licht immer stärker werden.

 

Und dann sahen wir, was wir nie zuvor gesehen hatten:

Wir sahen den dünnen, glänzenden Saum der Sonne über den Hügel heraufkommen. Ohne einen Laut erhob sich die goldene Sonne. Sie stieg höher und höher, bis sie zuletzt groß und rund am Himmel hing wie ein riesiger Feuerball.

 

Und jetzt füllte sich die ganze Welt mit Licht. Die Sonnenstrahlen schienen auf alle Tautropfen. Susi hüpfte herum von einem Bein auf das andere und rief immer wieder zur Sonne hinauf: „Guten Morgen, Frau Sonne!“ Als ob die Sonne es hören könnte.      

                         

Alice E. Goudy

Aus: Mein Lesebuch für das 3. und 4. Schuljahr  1969 

Verlegt im Bayerischen Schulbuch-Verlag München