Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal, aber man spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blättern wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei  Träumen. Ach, wie gut ist es doch zwischen lesenden Menschen zu sein. Warum sind sie nicht immer so? Du kannst hin zu ihm gehen und ihn leise anrühren; er fühlt nichts. Und stößt du einen Nachbarn beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich, so nickt er nach der Seite, auf der er deine Stimme hört, sein Gesicht wendet sich dir zu und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden. Wie wohl das tut. Und ich sitze und habe einen Dichter. Was für ein Schicksal, ich, vielleicht der armseligste (sie) von diesen Lesenden, ein Ausländer, ich habe einen Dichter. Obwohl ich arm bin.

 

Rainer Maria Rilke

 

Sa. 22. Dezember 2018

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Vor 2300 Jahren geschrieben im

Buch Kohelet 12, 12 - 13

 

Und über dies hinaus - mein Sohn, lass dich warnen! - werden viele Bücher gemacht, ohne Ende, doch das viele Studieren ermüdet den Leib.

Ist alles gehört, lautet der Schluss: Fürchte Gott und halte seine Gebote.

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