Di. 10. Dezember

Solange ich noch allein bin, bin ich noch allein.

Solange ich noch unter Bekannten bin, bin ich noch ein Bekannter.

Sobald ich aber unter Unbekannte komme –

Sobald ich auf die Straße trete – tritt ein Fußgänger auf die Straße.

Sobald ich in die Straßenbahn einsteige – steigt ein Fahrgast in die Straßenbahn.

Sobald ich das Juweliergeschäft betrete – betritt ein Herr das Juweliergeschäft. ..

Sobald ich das Warenhaus betrete – betritt ein Kauflustiger das Warenhaus.

 

Dann gehe ich an Kindern vorbei – und die Kinder sehen einen Erwachsenen, der an ihnen vorbeigeht.

Dann betrete ich die Sperrzone – und die Wächter sehen einen Unbefugten, der die Sperrzone betritt…

Dann sitze ich in den Vorzimmern als Antragsteller….

 

Sobald ich dann nach dem „Schwarzen Weg“ gefragt werde, werde ich ein Ortskundiger. ..

Sobald ich dann die Kirche betrete – werde ich ein Laie.

Sobald ich dann bei dem Unfall nicht weitergehe – werde ich ein Neugieriger. ..

 

Kaum nehme ich dann die Mahlzeit ein – schon kann ich sagen:  Wir Verbraucher.

Kaum wird mir dann etwas gestohlen – schon kann ich sagen: Wir Eigentümer!

Kaum gebe ich dann die Todesanzeige auf – schon kann ich sagen: Wir Leidtragenden.

Kaum betrachte ich dann das Weltall – schon kann ich sagen: Wir Menschen!

 

Ich schaue von dem Roman auf und betrachte die Schönheit mir gegenüber –

und wir werden Zwei unter Millionen...

 

Noch von vielen Veränderungen schreibt Peter Handke von sich  als Gegenüber, Wanderer, Hindernis, Objekt, Körper,  Ausländer, Angerufener, Aufrührer, ein Objekt, ein ganz schöner Schrecken…..

und ganz zuletzt:

 

Dann endlich werde ich alleingelassen – und einer bleibt allein zurück.

Dann,  schließlich, setze ich mich zu einem ins Gras – und bin endlich ein anderer.

 

Peter Handke

Aus: Peter Handke „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“  Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main 1969

Veränderungen im Lauf des Tages