Im Gespräch mit Vikar Florian Detzel

Ein Interview - Fragen an Herrn Vikar Florian Detzel!

 

 

Herr Vikar Detzel!

 

Sie haben sich im letzten Gemeindebrief mit  herzlichen Worten von unserer Kirchengemeinde verabschiedet. Wir freuen uns, dass es Ihnen hier gefallen hat und Sie  das Wohlwollen und das  Interesse der Menschen an Ihrer Person und an Ihrer Arbeit in Markt Erlbach gespürt haben.

 

           Wir hätten da noch ein paar Fragen an Sie?

 

Gibt es eine Stelle hier in Markt Erlbach, die Ihnen besonders gut gefallen hat, die Sie vermissen werden?

 

Ich denke, dass mich vor allem das große Engagement der zahlreichen Menschen in der Gemeinde und ihre Liebe und Leidenschaft für das Leben der Gemeinde beeindruckt hat. Die Nähe zu den Menschen in und außerhalb der Kirchengemeinde und die zahlreichen Begegnungen mit ihnen werde ich schon sehr vermissen.

 

Sie werden jetzt in eine Großstadt ziehen. Was schätzen Sie am Leben auf dem Land?

 

Ja, ab dem 1. März 2020 werde ich auf meine erste Pfarrstelle in der evangelischen Heilig-Geist-Kirchengemeinde in München-Moosach entsendet. Das wird bestimmt anders werden. Am Land schätze ich vor allem die Nähe zu den Menschen. Insgesamt habe ich die – im Gegensatz zur Stadt – häufigeren Kontakte mit den Menschen vor Ort genossen. In Nürnberg und Berlin habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen dort doch häufiger anonym leben und oft ihre Nachbarinnen und Nachbarn nicht kennen. In Markt Erlbach hat mich vor allem das Interesse an-  und füreinander beeindruckt. Auch wenn ich davon auch die Schattenseiten erlebt habe, dass übereinander nicht nur in einem positiven und wertschätzenden Sinn geredet worden ist. Dennoch halte ich es für ein hohes Gut, wenn man weiß, wie es der Nachbarin, dem Nachbarn geht und falls nötig entsprechende Hilfe und Unterstützung anbieten kann. In Großstädten übernehmen das oft professionelle Unternehmen, bei denen persönliche Kontakte und Beziehungen auf der Strecke bleiben.

 

Konnten Sie  als Vikar öfters Glaubensgespräche mit Menschen führen?

 

Ja. Das ist ja bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden sogar – anstelle der oft andernorts stattfindenden Konfi-Prüfung – vorgesehen. Ich sehe das als eine besonders schöne Möglichkeit, mit jungen Menschen darüber zu reden, was sie glauben und für wahrhalten, bei dem es nicht nur um Auswendiggelerntes geht.
Auch bei Besuchen anlässlich von Geburtstagen, Taufen, Trauungen und Beerdigungen habe ich es genossen, wenn ich mit den Menschen über ihren Glauben ins Gespräch gekommen bin und das Evangelium in einer bestimmten Lebenssituation erlebbar geworden ist – teilweise war es aber auch ein Ringen darum, worauf Christinnen und Christen vertrauen und wie auch in schwierigen Lebenssituationen an die Liebe und Gerechtigkeit Gottes geglaubt werden kann.

 

Wurden Sie auch um  seelsorglichen Rat gefragt?  

 

Das ist in unterschiedlichen Begegnungen passiert. Entweder wurde ich direkt angefragt oder bei einem zufälligen Treffen kamen Sorgen, Nöte und Hoffnung zur Sprache. Ich gehe davon aus, dass Sie Verständnis dafür haben, dass ich zu den einzelnen Fällen nicht mehr sage. Als Seelsorger finde ich das Seelsorge- und Beichtgeheimnis ein hohes Gut, das es zu wahren gilt.

 

Haben Sie bei Ihrer Arbeit im Vikariat eine Erfahrung gemacht, die Sie überrascht hat, womit Sie nicht gerechnet haben?

 

Überrascht hat mich vor allem festzustellen, wie notwendig es ist, dass wir als Pfarrerinnen und Pfarrer immer wieder den Bezug zwischen Alltag und Glauben herstellen. Das ist mir nicht nur in der Schule aufgefallen, wo es irgendwie verständlich ist, junge Menschen dazu anzuleiten, ihr Leben und die Welt im Horizont der Offenbarung Gottes wahrzunehmen und zu deuten, sondern auch in anderen Begegnungen. Daraus ergibt sich für mich die Frage, ob sich Menschen oft nicht trauen offen über ihren Glauben zu reden oder ob ihnen die Sprachfähigkeit darüber abhanden gekommen ist. Gerade mir ist das Priestertum aller Getauften wichtig und ich verstehe mich nicht als jemand, der besonders heilig oder im Glauben weiter wäre. Das, was mich als Pfarrer unterscheidet ist, dass ich in besonderer Weise dazu ausgebildet bin, Menschen auf ihrem Glaubensweg zu begleiten und über theologische Bezüge Auskunft zu geben.

 

Gibt es auch etwas, was Sie sich nicht als so schwer bzw. belastend vorgestellt hatten?

 

Ich denke, dass ich die Erfahrung des zweiten Examens und der Bewertungen, die über die eigene berufliche Existenz entscheiden, nicht mehr brauche.  Dabei hat mich besonders der lange Zeitraum belastet, über den sich die Beurteilungen erstreckt haben.

Obwohl ich nicht direkt davon betroffen war, haben mich die Todesfälle junger Menschen sehr schockiert  und mich vor die Herausforderung gestellt, wie angesichts dieser Erfahrungen das Vertrauen auf einen liebenden und Leben erhaltenden Gott verkündigt werden kann. Ohne den Glauben an die unendliche Liebe Gottes, die auch den Tod als Übergang zur ewigen Gemeinschaft mit Gott einschließt, stelle ich es mir schwierig vor, hier nicht den Glauben aufzugeben.

 

Sie gehören zur jüngsten Pfarrersgeneration? Dabei  treffen Sie  auf eine  Situation in den Gemeinden, auf die sich die älteren Pfarrer erst einstellen müssen z. B. leere Kirchen oder dass  die christliche Sicht der Welt zwar toleriert  wird, sich aber auch  in Konkurrenz  befindet zu  unterschiedlichsten Weltanschauungen bis hin zum Atheismus.  

 

           Darauf zielen die nächsten Fragen:

 

Warum haben Sie den Beruf des Pfarrers gewählt? Gab es da eine besondere Erfahrung, die Sie dazu bewogen hat?

 

Auf den Weg zur Entscheidung Pfarrer – anstatt Tierarzt – zu werden, gab es verschiedene Stationen und Erfahrungen. In meiner Kindheit und Schulzeit war da vielleicht ein grundsätzliches Interesse an (der christlichen) Religion und die – manchen Reli-Stunden zum Trotz – gewonnene Erfahrung, dass das Evangelium eine frohe Botschaft ist, die Freude und Hoffnung stiften will. Als Jugendlicher entwickelte ich dann das Interesse etwas mit Menschen zu machen, ihnen zu begegnen und sie ein Stück ihres Lebenswegs zu begleiten. Außerdem hat sich mir damals die ethische und politische Dimension der Botschaft vom Reich Gottes erschlossen. Kurz bevor ich volljährig wurde, habe ich mit dem Tod meines Vaters viele Fragen nach der Gerechtigkeit Gottes gestellt, um meinen eigenen Glauben gerungen und vor allem die Tragfähigkeit des Satzes „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“ erfahren. Damit war klar, dass ich auch in existentiellen Situationen etwas zu sagen habe und das Studium der Theologie beginne. Ich habe die Zeit des Studiums genossen und möchte das theoretische Fundament als Modell für die Wahrnehmung und Deutung des christlichen Glaubens nicht missen. Und dennoch war es für mich wichtig, mich am Ende meines Studiums daran zu erinnern, dass ich vor allem Pfarrer werden und in dieser Funktion mit Menschen über den Glauben ins Gespräch kommen möchte.

 

Wurden Sie auf die veränderten Bedingungen in den Gemeinden bei Ihrer Ausbildung vorbereitet?

 

Ja, die mit den Begriffen Individualisierung und Säkularisierung verbundenen Entwicklungen in der Gesellschaft und der Kirche, die dann wieder Auswirkungen auf das Leben der Kirchengemeinden haben, sind mir verschiedentlich im Studium und im Vikariat begegnet. Zum einen vermittelt durch die entsprechende Fachliteratur und Ausbildungsinhalte und zum anderen in der persönlichen Wahrnehmung von Gemeinden und Begegnungen: Kirche und institutionell gefasste Religion verliert an Bedeutung für das Leben verschiedener Menschen. Andererseits gewinnen Spiritualität und Fragen der Lebensbewältigung an Bedeutung. Dadurch, dass ich während meinem Studium Jugenddelegierter in der Landessynode war, kenne ich auch die kirchenleitende Perspektive und die Verantwortung einer Kirche, die in der Fläche präsent bleiben möchte. Während meines Vikariats  hat die bayerische Landeskirche mit dem Reformprozess „Profil und Konzentration“ begonnen, der dann natürlich auch Bestandteil der Examensprüfungen war. Auch wenn ich persönlich einige Anfragen an den Prozess habe, freue ich mich darauf, die Chance wahrzunehmen, Kirche vom Auftrag Christi her zu denken und vor allem dem Geist Gottes mehr Räume seines Wirkens zu eröffnen.

 

Und wenn ja, worauf müssen Sie sich, aber auch wir uns als Gemeinde einstellen? (nur ein paarStichpunkte)

 

Ich denke, dass wir uns vor allem darauf einstellen müssen, dass das Leben der Kirchengemeinden nicht mehr nur vor Ort passiert. Ich mag zwar das Wort „Regionalisierung“ nicht, aber es wird ein Umdenken notwendig sein, da es nicht mehr selbstverständlich ist, dass die Menschen eines Ortes einer der beiden großen Volkskirchen angehören. Wer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) angehört, trifft heutzutage viel mehr eine bewusste Entscheidung dafür oder auch dagegen. Die ELKB ist dann eine Weltanschauungs- bzw. Religionsgemeinschaft neben anderen. Vielleicht werden wir auch das Konzept der Volkskirche, wie wir es bisher kennen, aufgeben müssen, ohne aus dem Blick zu verlieren, dass wir Kirche für das Volk sind und einen missionarischen Auftrag haben. Wir werden neue Bilder von verfasster Kirche denken müssen und uns fragen, wie wir die Arbeit gestalten, damit die Nähe zu den Menschen nicht verloren geht und wir das Evangelium zu den Menschen bringen. Bei allen Veränderungen ist es mir aber auch wichtig, darauf zu vertrauen, dass Gott der Herr seiner Kirche ist und sie bei allen Veränderungen begleitet.

 

Worauf freuen Sie sich besonders, wenn Sie ab jetzt als Pfarrer wirken können?

 

Ich freue mich vor allem darauf, weitere Erfahrungen sammeln zu können, die Menschen in München-Moosach insbesondere in meinem Sprengel, kennenzulernen und mich den Herausforderungen einer zukunfts- und begeisterungsfähigen Kirche zu stellen, die sich am Auftrag Christi orientiert, mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechnet und darauf vertraut, dass Gott der Herr seiner Kirche ist.

 

 

 

Vielen Dank!

 

Gottes Segen und Geleit wünschen Ihnen

 

Christl Fleischmann und Gitti Ulrich

 

Ev.– Lutherische Kirchengemeinde Markt Erlbach