Ev.– Lutherische Kirchengemeinde Markt Erlbach

Liebe Gemeinde!

 

Lassen Sie uns mit einer aktuellen – vielleicht ein wenig drastischen – Momentaufnahme beginnen: Nur mehr zögernd treten Menschen vor die Tür. Verzagt gestaltet sich das Zusammenkommen mit den wenigen Menschen, denen wir noch begegnen. Verzweifelt betrachtet man die Nachrichten. Schreckliches erleben wir. Ungewiss ist die Zukunft.

So weit zur augenblicklichen Situation. Nun zu einer längst vergangenen Momentaufnahme, die – Sie werden es merken – vergleichbare Befindlichkeiten benennt. Doch einsteigen will ich mit einer Frage: Wer wird uns den Stein von der Tür der Gruft wegwälzen?

Diese Frage beschäftigt die Frauen, die Jesus nach der gebotenen Sabbatruhe salben wollen. In diesem Jahr kann ich mich sehr viel besser als in der Vergangenheit in ihre Situation hineinversetzen. Zögernd werden sie aufgebrochen sein. Verzagt. Verzweifelt. Schreckliches hatten sie erlebt. Ungewiss war die Zukunft.

Und dennoch: Sie sind aufgebrochen, haben sich auf den Weg gemacht, wussten, was zu tun war. Der Stein, den wir uns durchaus als ernst zu nehmendes Hindernis vorzustellen haben, kam ihnen erst spät in den Sinn. Im Text heißt es: „Und sie kommen sehr früh zu der Gruft [...] und sie sprachen zueinander... Erst im letzten Moment die scheinbar entscheidende Frage. Vielleicht möchte daher jetzt jemand sagen: „Also wirklich! Das hätten sie sich doch vorher überlegen können!“ Vielleicht.

Auch ich bin geneigt, ein Kopf schüttelndes „Also wirklich!“ von mir zu geben. Nicht jedoch aufgrund der späten Fragestellung, sondern ob der Tatsache, dass diese Frage in diesem Moment überhaupt noch gestellt wird. „Hallo!“ möchte ich den Frauen zurufen. „Ihr seid’s am Ziel! Schaut’s hin!“ Denn Markus berichtet uns im Anschluss an die Überlegung der Frauen folgende Begebenheit: „Und als sie aufblickten, sehen sie, dass der Stein zurückgewälzt ist.

„Kopf hoch!“ Das denke ich, wenn ich von den Frauen lese, die gesenkten Blickes unterwegs waren, gebeugt von den Sorgen der letzten Tage. „Kopf hoch!“

Der Stein, der sie hätte hindern können, war zur Seite gewälzt. Der Tod, der ihnen Jesus genommen hatte, war besiegt. „Kopf hoch!“

Doch noch ahnen sie nichts davon. Und so stelle ich mir vor, wie sie mit gesenkten Köpfen vor dem Grab, der Gruft stehen und dann beherzt den Kopf heben. „Stellen wir uns dem Problem!“ Diese Haltung bringt das Heben des Kopfes zum Ausdruck. „Gehen wir es an!“

Und dann...? Vor meinem inneren Auge sehe ich die wie ihre Augen immer größer werden: Der Stein... er war weg, zur Seite gerückt – im wahrsten Sinne des Worten – verrückt.

„Ostern ist verrückt.“ Der Gedanke gefällt mir! Doch zurück zu den Frauen:

Sie betreten die Gruft und noch einmal werden sie ihre Augen aufgerissen haben, denn: Der Leichnam Jesu war verschwunden. Stattdessen sitzt dort „ein junger Mann“. Entsetzen ergreift die Frauen – ja, sie sind völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Verständlicherweise. Nichts war so, wie sie es erwartet hatten.

 

Auch die beruhigenden Worte jener Erscheinung – „Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. [...] sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“ – verfehlten ihre Wirkung: „Zittern und Bestürzung hatte sie ergriffen.

Zittern und Bestürzung kennzeichnen auch unsere Zeit: Bestürzung ob der Bilder von Toten, die unter unsäglichen Bedingungen abtransportiert werden. Zittern bei der Vorstellung, wie sich die Lage weiter entwickeln wird.

Gleichzeitig sind wir aktiv, versuchen wir zu handeln, tun wir, was getan werden muss – manchmal auch ungeachtet all der Hindernisse, die es dabei zu bewältigen gilt.

Und nun – mitten in dieser beängstigenden Zeit, die uns Kraft kostet – feiern wir Ostern, das Fest, das wie kein anderes von einer unbeschreiblichen Hoffnung zeugt. Fast ein bisschen verrückt...

Ja, Ostern ist verrückt, aber nicht zu verschieben. Genau in das Jetzt hinein braucht es die Botschaft der Auferstehung, muss uns jemand in aller Deutlichkeit sagen: Kopf hoch! Der Tod ist besiegt – auch wenn das Virus noch nicht besiegt ist.

An diesem Ostersonntag will ich mit den Frauen vor dem Grab meinen Blick heben und das erfahren, was sie erfahren durften: „Stellen wir uns dem Problem!“ und „Gehen wir es an!“ ist die richtige Einstellung. Denn: „Kopf hoch!“ das lohnt sich, weil wir sehen werden, was schon geschehen ist:

In einer Zeit, wo man nicht beieinander sein darf, sind Menschen füreinander da – gehen füreinander einkaufen, erkundigen sich am Telefon nach dem gegenseitig Ergehen.

In einer Zeit, wo das Abstand-Halten groß geschrieben wird, rücken wir zusammen und schreiben Briefe – z.B. an Bewohner/innen im AWO-Heim, die sich wirklich sehr gefreut haben.

In einer Zeit, wo es still wird um die vermeintlich Großen, werden Menschen laut für die vermeintlich Kleinen – all die Pflegekräfte, die Verkäufer/innen, die LKW-Fahrer/innen etc.

In mancherlei Hinsicht ist kein Stein auf dem anderen geblieben, wurden viele Steine neu sortiert, verrückt – so wie damals ein Stein verrückt wurde. Und damals wie heute war es eine unbedingte Notwendigkeit. Nur so wird der Blick frei auf das noch Größere: das leere Grab. 

Damals wie heute lädt dieses Grab ein, in einer Zeit, wo nichts mehr ist, wie es war, darauf zu vertrauen, dass eine Zeit kommen wird, in der es so sein wird, wie es sein soll – auch wenn man es fast nicht glauben kann – so wie die drei Frauen es nicht glauben konnten. Trotzdem hat sich die Botschaft der Auferstehung durchgesetzt und überall auf der Welt heißt es heute:

 

„Der Herr ist auferstanden!“ – „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ – „Halleluja!“

 

Beglückt und voller Dank sind wir eingeladen, in diesen Gruß und in das Bekenntnis unseres Glaubens einzustimmen. Ich tue das voller Freude und werde mich auf besondere Weise mit Ihnen, liebe Gemeinde, verbunden fühlen, wenn auch Sie mit sich anschließen:

 

Ich glaube an Gott, den Vater...

... Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen. 

Alle Zitate (sie sind kursiv – nach rechts geneigt – gedruckt) sind der Elberfelder Übersetzung entnommen.

OSTERPREDIGT ZU MARKUS 16 1 - 8

OSTERPREDIGT ZU MARKUS 16 1 - 8

Kirsten Kemmerer